Tagung vom 7. November 2014

«Ganz ernstlich muß ich aber hier zu bedenken geben, daß gewiß mehr als 9/10 der überhaupt lesenden Menschen nichts als die Zeitung lesen, folglich fast unausbleiblich ihre Rechtschreibung, Grammatik und Stil nach diesen bilden.»
Arthur Schopenhauer, Philosoph (1851)

«Nur eine Weltmacht ist gewaltiger als die Presse: die Zeit.»
Eduard Engel, Stillehrer (1928)

SOK-Tagung in memoriam Peter Zbinden:

«Sprache der Zeit ‒ Sprache der Zeitung»

Freitag, 7. November 2014, 16‒18 Uhr
Druckzentrum Winkeln, Im Feld 6, 9015 St. Gallen
(Achtung: nicht an der Fürstenlandstrasse!)

15.30 Uhr Eintreffen und Kaffee
16 Uhr Begrüssung durch Philipp Landmark, Chefredaktor St. Galler Tagblatt
Mitteilung zu Präsidium und Arbeitsgruppe (Peter Müller, Arbeitsgruppe SOK)
Begrüssung durch Urs Breitenstein, Kopräsident der SOK, Gedenken für unseren Freund Peter Zbinden
16.15 Uhr Fachreferate
  1) Regelfall und Ausnahme: Warum die Rechtschreibreform in ihren wesentlichsten Punkten gescheitert ist
      Prof. Dr. Rudolf Wachter, SOK
  2) 175 Jahre St. Galler Tagblatt, 175 Jahre St. Galler Rechtschreibung
      Stefan Stirnemann, 2007‒2008 Merker St. Galler Tagblatt, SOK
16.45 Uhr Podium:
Sprache der Zeit – Sprache der Zeitung
Lohnt sich die Arbeit an der Sprache?
Welchen Stellenwert hat eine einheitliche und sprachrichtige Rechtschreibung?
Leitung:
Dr. Jürg Dedial, 1977‒2012 Auslandredaktor, jetzt freier Autor der NZZ
Teilnehmer:
Philipp Landmark, Chefredaktor St. Galler Tagblatt
Hanspeter Lebrument, Präsident des Verbands Schweizer Medien, Verleger Somedia AG
Peter Müller, Sekretär des Verwaltungsrates der SDA
Eva Nietlispach, Medienausbildnerin, Moderatorin, Partnerin Konsens 46, Ort für Mediation, St. Gallen
17.45 Uhr Aussprache und Beschlussfassung, Leitung: Prof. Dr. Rudolf Wachter, SOK
Einladung zur nächsten SOK-Tagung und Schlusswort: Urs Breitenstein
18 Uhr Apéro

Bitte melden Sie sich umgehend an unter kontakt@sok.ch, damit wir für Sie einen Platz reservieren und eine Tagungsmappe vorbereiten können.

Mit freundlichen Grüssen
Die Kopräsidenten der SOK:

Leutenegger
Filippo Leutenegger
Breitenstein
Urs Breitenstein
Präsident Aeneas-Silvius-Stiftung

Urs Breitenstein zum Kopräsidenten gewählt

Urs BreitensteinDie Arbeitsgruppe der SOK hat das Gründungsmitglied Urs Breitenstein einstimmig zum neuen Kopräsidenten und Nachfolger des verstorbenen Peter Zbinden gewählt.

Urs Breitenstein wurde 1942 im aargauischen Freiamt geboren und besuchte die Klosterschule in Einsiedeln und die Kantonsschule in Aarau. Er promovierte nach dem Studium in Basel und Tübingen in griechischer Philologie mit Latein und vergleichender Sprachwissenschaft an der Universität Basel. Er arbeitete danach bis Ende 2007 im Verlag Schwabe Basel, zunächst als wissenschaftlicher Lektor, dann als Verlagsleiter, ab 1996 als Verleger.

Ende 2006 wurde ihm von der Universität Bern der Doktortitel ehrenhalber für die verlegerische Förderung der Geisteswissenschaften und den Einsatz um eine Buch- und Lesekultur im In- und Ausland verliehen.

Urs war neben vielen weiteren kulturellen Engagements Präsident des Schweizerischen Buchhändler- und Verleger-Verbandes. Heute ist er Präsident der nach dem Stifter der Universität Basel, Aeneas Silvius Piccolomini, benannten, auf die 500-Jahr-Feier der Universität Basel von 1960 zurückgehenden Aeneas-Silvius-Stiftung.

Die SOK ist glücklich, mit Urs Breitenstein auf einen herausragenden Förderer des Buches und des Lesens als Kopräsidenten zählen zu können.

Filippo Leutenegger, Kopräsident

An die Besucher der SOK-Website

Peter ZbindenWir haben die schmerzliche Aufgabe, Sie über den Hinschied unseres Kopräsidenten Peter Zbinden zu informieren.
Er ist am 31. März 2014 friedlich eingeschlafen.

Bis auf weiteres wird die SOK von Kopräsident Filippo Leutenegger allein geführt.

Rechtschreibreform: Vom Pfusch in den Wirrwarr

Stefan Stirnemann

SOK und Reclam weisen einen Ausweg
Der sachkundige Journalist Dankwart Guratzsch findet in der Welt vom 15. November starke, das heisst die richtigen Worte; er schreibt unter dem Titel «Nichts als Pfusch» einleitend: «Die Rechtschreibreform ist krachend gescheitert. Die Regeln des Schreibens haben ihre Verlässlichkeit verloren. Es wird höchste Zeit, dem Wirrwarr ein Ende zu setzen.»

Welche Tatsachen stehen hinter diesem Werturteil? Bis ins Jahr 1996 hatten wir eine weitestgehend einheitliche und sprachrichtige, also voll zweckmässige Rechtschreibung. Dann haben die Bildungspolitiker der deutschsprachigen Länder mit einem zerstörerischen Eingriff, genannt Reform, die Einheitlichkeit und Sprachrichtigkeit aufgehoben; und die sind bis heute nicht wiedergewonnen.

Wo zeigt sich der Wirrwarr? Der Verlag Rowohlt gibt Harper Lees Klassiker «Wer die Nachtigall stört» gleichzeitig in zwei verschiedenen Rechtschreibungen heraus, als Taschenbuch herkömmlich, als Sonderausgabe nach der Neuregelung. Lesen wir im Taschenbuch herkömmlich: «Ich habe dem Lokomotivführer ’ne Zeitlang geholfen», so steht in der Sonderausgabe: «Ich habe dem Lokomotivführer ’ne Zeit lang geholfen». Das herkömmliche und sprachrichtige «neulich morgen» liest sich in der Sonderausgabe als «neulich Morgen». Mr. Tate, der sich im Taschenbuch schneuzt, muss sich in der Parallelausgabe schnäuzen. Hanser druckt Iwan Gontscharows «Oblomow» in der neuen und schönen Übersetzung Vera Bischitzkys in einer bemerkenswerten Mischung aus herkömmlicher Rechtschreibung und Neuregelung. Wer heute viel liest, kommt zwingend zum Schluss, dass die Rechtschreibung Nebensache ist. Dieser Zustand ist unhaltbar in einer Gesellschaft, die vom geschriebenen Wort lebt.

Ausweg aus dem Wirrwarr
Den Weg zu einer einheitlichen und sprachrichtigen Rechtschreibung weist die Schweizer Orthographische Konferenz (SOK) mit ihren Empfehlungen. An ihrer letzten Tagung, die am 27. Juni 2013 in den Räumen der NZZ stattfand, nahmen auch der Verlagsleiter und die Lektoratsleiterin des Reclam Verlages teil. Im Vorfeld der Tagung wurde bekannt, dass sich Reclam an die Empfehlungen der SOK hält.

Es ist bezeichnend für die Debatte, die in Deutschland zum Thema stattfindet, dass das «Börsenblatt», Fachmagazin der Buchbranche, den Entscheid unter dem Titel «Rechtschreibsturm im Wasserglas» sogleich zu verharmlosen versuchte. Der Reclam Verlag veröffentlichte eine wohltuend sachliche Mitteilung: «Für den Reclam Verlag war in seiner Verlagsgeschichte der Duden. Die deutsche Rechtschreibung niemals die verbindliche Instanz in Sachen Rechtschreibung. Reclam folgt nicht erst neuerdings den Empfehlungen der Schweizer Orthographischen Konferenz (SOK), sondern orientiert sich seit deren Konstituierung an ihnen, folgt diesen allerdings auch nicht in allen Punkten (was schon z. B. der schweizerischen Ermangelung des ß wegen nicht geht). Reclam stand und steht weiterhin der Rechtschreibreform kritisch-konstruktiv gegenüber und bleibt in letzter Instanz dem Willen seiner Autoren wie auch der historischen Schriftsprache der deutschsprachigen Klassiker verpflichtet.» Was bedeutet Reclams Entscheidung? Dass in modernen und massgeblichen Ausgaben und Reihen in den Schulen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz sprachrichtige Schreibweisen wie die folgenden wieder üblich sind: greulich, im allgemeinen, die letzteren, heute morgen, die laut Neuregelung alle falsch sind. Was unternimmt der Rat für Rechtschreibung jetzt?

Hinweise
Die Welt – Börsenblatt – Reclam Verlag
Stefan Stirnemann ist Bündner Kantonsschullehrer, St. Gallen, und Mitglied der Arbeitsgruppe der Schweizer Orthographischen Konferenz (SOK)