Walter Heuer – ein Reformer?

4. April 2011

Das meiner Meinung nach beste Buch zur deutschen Rechtschreibung ist (für die Schweiz): Walter Heuer „Richtiges Deutsch“ aus dem Buchverlag der „Neuen Zürcher Zeitung“, zweite Auflage, 1960. Eine Gesamtlehre auf nur 320 Seiten.

G. W.

 

Sehr geehrter Herr W.,

Ihre Anfrage zur st-Trennung (Antwort hier) und Ihr Hinweis auf Walter Heuer haben mich bewogen, wieder einmal nachzulesen, wie Heuer zur Frage der st-Trennung und zu den übrigen Reformbestrebungen in den fünfziger und sechziger Jahren stand.

Heuer war für die s-t- und die -ck-Trennung! Bei der Worttrennung von Fremdwörtern sollte die streng etymologische Trennung nur noch verlangt werden, wo die Zusammensetzung deutlich erkannt wird, also v. a. wenn ein Bestandteil als selbständiges Wort auch im Deutschen geläufig ist: Ant-arktis, Des-infektion, Quint-essenz, Sulfon-amid. Im übrigen sei die Trennung nach Sprechsilben zu gestatten: Inte-resse, Psy-chiat-rie, Symp-tom.

Heuer kann eigentlich als Reformer bezeichnet werden, wenn auch als gemässigter. Er war natürlich gegen die am meisten umstrittenen Reformprojekte Kleinschreibung, Abschaffung der Dehnungszeichen und forcierte Eindeutschung der Fremdwörter und immerhin auch gegen die Abschaffung des ß (aber für die Heysesche Regelung!).

Aber bei der Groß- und Kleinschreibung votierte er für die Großschreibung von „angeblich ,verblaßten’“ Hauptwörtern und gegen den Grundsatz „im Zweifel klein“, bezeichnet in bezug/mit Bezug, außer acht/außer aller Acht, zugunsten/zu Lasten als „Dudensche Albernheiten“, empfiehlt etwas Anderes, nichts Anderes (wie etwas Schönes, nichts Neues), in Acht nehmen, auf Seiten, mein Eigen, Recht haben, Schuld haben, im Folgenden, mein Ein und Alles, der Einzelne, der Einzige. Die Kleinschreibung wegen übertragener Bedeutung bei im Finstern tappen, ins Klare kommen, im Trüben fischen, auf dem Trockenen sitzen bezeichnet er als „spitzfindig“ und empfiehlt auch Großschreibung bei aus dem Vollen schöpfen, ins Reine bringen, den Kürzeren ziehen, sein Möglichstes tun, um ein Bedeutendes, nicht das Geringste. Die Schreibweisen ich fahre rad, er schreibt maschine, es spricht hohn seien „unsinnig“ und das danach wiedereingeführte ich fahre Rad, aber radfahren „Haarspalterei“. Die Regelung bei Verbindungen mit mal/Mal seien „vertrackt“; er empfiehlt Grossschreibung nach gebeugten Attributen und Substantiven (zum dritten Mal, also auch jedes Mal) und Kleinschreibung nach ungebeugten (dreimal), im Zweifelsfall solle wie in der ganzen Groß- und Kleinschreibung beides gelten, sonst drohe „sture Regelfuchserei“. Dies auch beim Einzelfall recht/Recht: Schon der gestrenge Lammertz habe gesagt: „Man kann keinen zwingen, klein zu schreiben, wenn er das Hauptwort noch als solches empfindet.“ Er empfiehlt es ist das Beste, wenn du gehst (analog zu es ist das Beste, was du tun kannst). Andernfalls erschwerten solch subtile Differenzierungen, die für das Verständnis des geschriebenen Wortes nicht den geringsten Wert hätten, die Rechtschreibung unnötig.

Bei der Fremdwortschreibung war er der Meinung, es sei eine ganze Reihe von Fehlentscheiden zu korrigieren, mit denen sich der Duden nur lächerlich gemacht habe, insbesondere die Zwitter wie Krescendo. Bis zur 13. Auflage (1947) habe nämlich im Duden gestanden: „Insofern die fremde Aussprache keine Änderung erfahren hat, wird in der Regel auch die fremde Schreibweise beibehalten.“ (Krescendo ist in der Zwischenzeit korrigiert worden, es gibt aber weiterhin Direktrice, Kaprice, Kommuniqué, Protegé u. a.; allerdings lassen sich nicht alle Mischformen vermeiden, siehe hier).

Bei der Getrennt- und Zusammenschreibung war er für den Grundsatz: Keine Zusammenschreibung ohne zwingenden Grund! Also kennen lernen, fallen lassen, auch attributiv: ein fallen gelassener Vorschlag. Die Unterscheidung attributiv/prädikativ sei ohnehin „sinnlos“: das Kleid ist weiß gestreift, aber das weißgestreifte Kleid. Der unerwünschten Zusammenballung langer Wörter sei entgegenzuwirken. Nur wo durch die Zusammenschreibung ein anderer Begriff ausgedrückt werde, habe die Unterscheidung ihre Berechtigung: leerlaufen/leer laufen, sicherstellen/sicher stellen, zusammenkommen/zusammen kommen usw.

Beim Zusammentreffen von drei gleichen Konsonanten war Heuer dafür, die gleiche Regel wie bei drei gleichen Vokalen anzuwenden: einen Bindestrich zu setzen (Schiff-Fahrt)! Er äussert sich nicht zum daraus entstehenden Problem Schiff-Fahrtsgesellschaft/Schiff-Fahrts-Gesellschaft.

Beim Komma betont er, Satzzeichen seien Lesehilfen und Leserlichkeit müsse oberstes Prinzip der Orthographie sein und bleiben, also keine leichtfertige Simplifikation: wo das Interesse des Lesers auf dem Spiele stehe, gebe es keine Konzessionen. Er war gegen die Abschaffung des Kommas vor „und“, die „verwickelten“ Vorschriften beim Infinitivsatz könnten aber ohne Schaden vereinfacht und das Komma nach Gedankenstrich weggelassen werden.

(Quelle: Graphia, 1956, Zum Streit um unsere Rechtschreibung)

Peter Müller, SOK