Lehrer halten sich an Leitmedien

Anton Strittmatter: Die Lehrer dürften sich an der Schreibweise der seriösen Leitmedien orientieren

Dr. Anton Strittmatter, Mitglied der Geschäftsleitung LCH (Dachverband der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer): „Ich finde es gut, wenn die Leitmedien Standards setzen. Denn ihnen ist als tägliches Brot die pragmatische, verständliche Kommunikation für ein breites Volk aufgegeben. Die können sich weder eine Rechtschreibverluderung noch einen dünkelhaft-germanistischen Volksbelehrungsstil leisten. Sonst werden sie einfach nicht mehr gekauft. Ich misstraue in dieser Sache allen Berufs-Korrekten: Den Sprachwissenschaftern im universitären Eitelkeitsturm (die ja bei jeder Reform ein mieses, zerstrittenes Bild abgeben) ebenso wie auch der Sorte Lehrer, welche einzig den eindeutigen Rotstiftgebrauch suchen. Die vernünftige Mehrheit der Lehrerinnen und Lehrer dürfte sich letztlich an der Schreibweise der seriösen Leitmedien orientieren – und kämpft überdies, zumindest auf Volksschulstufe, mit ganz anderen Problemen.“ (Mai 2007)

Der Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH) setzt sich für ein hohes Ansehen des Berufs der Lehrerinnen und der Lehrer ein, sorgt für gute Arbeitsbedingungen und initiiert und unterstützt sinnvolle Entwicklungen im Schul- und Bildungswesen. Er definiert in den Standesregeln die Grundanforderungen für die Berufsausbildung der Lehrpersonen vom Kindergarten bis in den Tertiärbereich. Der LCH ist mit der Mitgliedschaft von über 50’000 Lehrerinnen und Lehrern aus allen Schulstufen der stärkste Lehrerinnen- und Lehrerverband und einer der grössten Arbeitnehmerverbände der Schweiz.

Dr. Anton Strittmatter ist ausserdem Leiter der Pädagogischen Arbeitsstelle des LCH (PA LCH). Der PA LCH ist ein ein bildungswissenschaftlicher Dienst des Verbandes mit vier Hauptaufgaben: fachliche Beratung der Verbandsorgane zu schulpädagogischen Themen, Beratung der kantonalen und interkantonalen Mitgliedorganisationen in pädagogischen Fachfragen, Mitwirkung in der Verbandsführung, in der Öffentlichkeitsarbeit und in der Vertretung des LCH in Gremien der EDK und des Bundes sowie Herstellung und Verkauf von Dienstleistungen an Dritte.

Reiner Kunze: Spottverse

In den Jahren 1996 bis 2006 wurden auf dem Amtsweg zweihundert Jahre differenzierender Orthographieentwicklung in wesentlichen Bereichen für ungültig erklärt und die Einheitlichkeit der deutschen Rechtschreibung zerstört. Kultusministerin Prof. W.: «Die Kultusminister wissen längst, dass die Reform falsch war… Aus Gründen der Staatsräson ist sie nicht zurückgenommen worden.» Die Staatsräson – ein höheres Gut als die Sprache!

unstrittig

Die sprache hat den mund zu halten,
wenn die hohen staatsgewalten
sich für ihren vormund halten
und barbaren sie verwalten

staatsfromm

Der staat trieb der sprache die engel aus,
die engel flogen ins gotteshaus;
dort wartete auf die engel schon
die orthographische inquisition

justizirrtum

Die sprache erschien vor dem Hohen gericht,
die richter aber verstanden nicht
die sprache, die die sprache spricht,
und die sie verstanden, die hörten sie nicht

Reiner Kunze
lindennacht
gedichte

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007

Wir danken Reiner Kunze für die Erlaubnis, die Gedichte abzudrucken.